Vogtländisches Kuriosum

Vogtländisches Kuriosum

Ein ungewöhnliches Harmonikainstrument beherbergt das Heimatmuseum Uffenheim. Was auf den ersten Blick wie ein kleines Pianoakkordeon aussieht, entpuppt sich bei näherem Hinsehen als zweireihige wechseltönige Handharmonika in G-C-Stimmung mit Daumenschlaufe am Griffbrett und acht Knöpfen auf der Bassseite. Auf der Diskantseite sind die Tasten jedoch nicht, wie bei solchen Instrumenten üblich, als Knöpfe, sondern wie bei einem Pianoakkordeon ausgebildet. Zwischen den elf weißen Tasten der ersten Reihe (G) sind die schwarzen Tasten (C) wie beim Klavier zurückgesetzt als zweite Reihe angebracht. Der Unterschied zur Pianotastatur ist für den Kenner augenfällig: in der Reihe der schwarzen Tasten sind auch die Plätze ausgefüllt, wo in der weißen Reihe die Halbtonschritte liegen.

Handharmonika im Heimatmuseum Uffenheim

Ob dieses Exemplar eine Sonderanfertigung und damit vielleicht ein Einzelstück darstellt, oder ob solche Instrumente in Serie hergestellt wurden, ist ungeklärt. Möglicherweise sollte diese Ausführung das Aussehen eines Pianoakkordeons imitieren, das in den 1930er Jahren - mutmaßlich die Entstehungszeit unseres Instruments - als Tango- und Jazzakkordeon in Tanzmusikbesetzungen groß in Mode kam. Einen spieltechnischen Vorteil scheinen die Tasten wohl nicht zu bieten.

Hersteller war die Firma Grünert & Söhne in Zwota, Sachsen. Gegründet 1920/21, produzierte die Firma bis 1963 Harmonikas und Akkordeons unter dem Markennamen „Sibylla Brand“ (Werbeanzeige der Firma, siehe unten), wie Christoph Meinel beim Harmonikamuseum Zwota erfahren hat. Zwota liegt in der Nähe von Klingenthal, wo sich ab dem 19. Jahrhundert eine bedeutende Harmonikaindustrie entwickelte. Im 20. Jahrhundert war das sächsische Vogtland neben Trossingen das Zentrum des Harmonikabaus in Deutschland.

In dem Buch von Kurt Kauert: Der Musikwinkel und die Harmonika, das im Jahr 2000 von der Sächsischen Landesstelle für Volkskultur herausgegeben wurde, findet sich die Abbildung einer Harmonika älteren Typs mit ähnlichen Tasten (S. 24).

Foto einer Harmonika aus Buch "Der Musikwinkel und die Harmonika"

Das würde nicht zu unserer Arbeitshypothese: Imitation eines Pianoakkordeons passen. Leider kann Kauert weder Hersteller noch Baujahr seines Instruments nennen. Wer kennt vergleichbare Instrumente oder weiß Näheres darüber?

Armin Griebel

www.gollachgaumuseum.de
www.harmonikamuseum-zwota.de

Werbeanzeige der Firma Grünert

Werbeanzeige der Firma Grünert in der Zeitschrift „Volkstum und Heimat“, 51. Jahrg. (1942), Seite 110.


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