Heimatlieder machen

Heimatlieder machen

Das Lied „Mittelfranken ist mein schönes Heimatland“ ist eines von vielen Heimatliedern, die in ganz Deutschland auf die Melodie des 1941 entstandenen Oberschlesienliedes gesungen werden (vgl. Griebel 2010). Die Melodie stammt von dem für seine Marschlieder bekannten NS-Komponisten Herms Niel (Hermann Nielebock), den Text lieferte der Oberschlesier Emil Wieczorek.

In Franken fand das Oberschlesienlied nach dem Zweiten Weltkrieg offenbar großen Anklang. Nach seinem Muster entstanden für Unter-, Ober- und Mittelfranken jeweils eigene Texte, die wiederum für Kleinregionen und einzelne Orte umgedichtet oder erweitert wurden. Auf diese Weise existiert das Lied in einer unüberschaubaren Vielfalt von Varianten. Alle Leser bitten wir herzlich, uns auf ihnen bekannte Liedfassungen aufmerksam zu machen!

Um ein neues Heimatlied zu kreiren genügt es manchmal, ein paar Wörter auszutauschen:

Oberschlesien ist mein liebes Heimatland,
wo vom Annaberg man schaut ins weite Land,
wo die Menschen blieben treu in schwerer Zeit;
/: für dies Land zu kämpfen bin ich stets bereit. :/

heißt es in der ersten Strophe des Oberschlesienliedes. Daraus wurde in Mittelfranken:

Mittelfranken ist mein schönes Heimatland,
wo vom Hesselberg man schaut ins weite Land.
Wo die Menschen liebten treu in schwerster Zeit,
/: diesem Land zu dienen bin ich stets bereit!  :/

Die zersungene Passage ‚„liebten“ statt „blieben“ deutet darauf, dass man das Oberschlesienlied aus mündliche Überlieferung kannte. Nicht falsch gehört, sondern bewusst ersetzt scheint das unzeitgemäße „kämpfen“. Der Annaberg als „heiliger Berg“ Oberschlesiens findet seine markante Entsprechung im Hesselberg. Es ist aber eher unwahrscheinlich, dass damit die Kultstätte der NS-Zeit gemeint sein könnte, an der jährlich beim „Frankentag“ die politischen Vorstellungen des Nationalsozialismus zelebriert wurden. Eine andere Version beginnt mit dieser Strophe:

Mittelfranken ist ein schönes Heimatland,
wo die Aisch sich schlängelt wie ein Silberband,
wo die Schwalben fliegen in die Flur hinaus
/: da ist meine Heimat, da bin ich zuhaus. :/

Hier war die direkte Vorlage nicht das Oberschlesienlied, sondern das Oberfrankenlied, dessen Eingangsvers erkennbar nachgebildet wird:

Oberfranken ist mein schönes Heimatland,
wo der Main sich schlängelt wie ein Silberband,
wo der Kuckuck ruft weit in das Tal hinaus
/: da ist meine Heimat, da bin ich zu Haus. :/

Wer die Lieder gemacht hat und warum sie entstanden sind, ist für die, die singen unerheblich, daher geraten die Urheber der mehr oder weniger originellen Liedfassungen bald in Vergessenheit oder bleiben von Anfang an anonym. Die heute verbreitete Fassung des Oberfrankenliedes geht auf den Kronacher Hans Schreiber, Bruder des ehemaligen Kreisheimatpflegers Willi Schreiber, zurück, der nach eigener Aussage eine ältere Version des Oberfrankenlieds neu gefasst und seit den späten 60er Jahren mit seinen „Singenden Jägern“ in Umlauf gebracht hat. Beim Unterfrankenlied wissen wir, dass Hannes Grebner (1921-1971) aus Großlangheim den siebenstrophigen Text 1953 für das Erntedankfest der Landjugend im Landkreis Kitzingen geschrieben hat:

Unterfranken, du mein liebes Heimatland,
wo die Dörflein träumen an des Maines Strand,
wo im Steigerwald die alten Eichen stehn,
Unterfranken, Heimat wie bist du so schön,
Heimat liebe Heimat, wie bist du so schön.

Aus der anlassgebundenen Gelegenheitsdichtung ist eine oft gesungene und umgedichtete unterfränkische Heimathymne geworden. Ohne große Änderungen wurde daraus in jüngster Zeit das Heimatlied der „Allianz Grabfeldgau“:

Grabfeld, Grabfeld, du mein liebes Heimatland,
wo die Dörflein träumen an der Saale Strand,
wo im Sambachwald die alten Eichen steh’n.
Grabfeld, Grabfeld, Heimat wie bist du so schön,
Grabfeld, liebes Grabfeld, wie bist du so schön.

Es ist eines von 120 Ortsliedern, die Clemens Behr, Altbürgermeister von Bad Königshofen, für sein Büchlein „Heimatlieder aus dem fränkischen und thüringischen Grabfeldgau“ zusammengetragen hat (Heimatlieder 2010: 112). Selbst wenn man bedenkt, dass einige dieser Lieder selten oder nie gesunge Gelegenheitsdichtungen darstellen, ist die hohe Zahl Indiz für ihre Bedeutung zur lokalen oder regionalen Identitätsstiftung.


Literatur:
- Griebel, Armin: Heimathymnen. Zur Instrumentalisierung eines populären Liedes im 20. Jahrhundert. In: Alzheimer, Heidrun/Rausch, Fred G. / Reder, Klaus / Selheim, Claudia (Hrsg.): Bilder – Sachen – Mentalitäten. Arbeitsfelder historischer Kulturwissenschaften. Wolfgang Brückner zum 80. Geburtstag. Regensburg 2010, S. 559-570.
- Heimatlieder aus dem fränkischen und thüringischen Grabfeldgau. Bad Königshofen 2010.

Armin Griebel


Kommentare (5)

  1. Ingrid Flach:
    28 Apr 2015 um 11:04

    Text für das Unterfranenlied

    Unten stehenden Lied-Text fand ich im Nachlass meines im Jahre 1981 verstobenen Vaters Richard Millik. Meine Eltern sangen in den Nachkriegsjahren - wir stammen aus Oberschlesien oft und gerne das Oberschlesienlied im Originaltext von 1941.
    Im Jahre 1975 initiierten meine Eltern in Himmelstadt am Main, im Landkreis MSP, einen Alten-Club, zu dessen 40jährigem Bestehen im Juni 2015 ich jetzt die Organisation der Feierlichkeiten übernommen habe und das Lied mit den Senioren singen möchte.
    Ich bin der Meinung, dass der Text für dieses "Unterfrankenlied", welches mein Vater in den 1970er Jahren des Öfteren mit "seinen" Senioren sang, von ihm stammt; bin mir aber nicht sicher.

    Lässt es sich herausfinden?



    1. Unterfranken, du mein liebes Heimatland, wo die Dörflein träumen an des Maines Strand. Wo im Spessartwald die alten Eichen steh´n. Unterfranken, Heimat, wie bist du so schön!Heimat, liebe Heimat, wie bist du so schön!

    2. Fröhlich wandern wir heut durch des Maines Tal, durch die Dörfer, Fluren, in den Spessartwald. Auf der Karlsburg bleiben wir bewundernd steh´n. Unterfranken, Heimat, wie bist du so schön! Heimat, liebe Heimat, wie bist du so schön!

    3. Silbern schlängelt sich durchs Frankenland der Main,durch die grünen Wengert bis zum Spessart rein. Hoch im Norden grüßen d´ Hassberg und die Rhön. Unterfranken, Heimat, wie bist du so schön! Heimat, liebe Heimat, wie bist du so schön!

    4. Weit ins Frankenland hinein geht unser Blick. Frankenland, du bist des Herrgotts Meisterstück. Und so muss ich immer wieder eingesteh´n: Unterfranken, Heimat, wie bist du so schön! Heimat, liebe Heimat, wie bist du so schön!

  2. Weger Josef:
    09 Okt 2016 um 16:10

    Falls Sie Interesse an weiteren Strophen des Mittelfrankenliedes haben, würde ich ihnen gerne weitere 7 Strophen vom Raum Hesselberg + Altmühl zusenden!

    Mit freundlichen Grüßen
    Weger Josef

  3. Armin Griebel:
    12 Okt 2016 um 14:10

    Hallo Herr Weger,
    Ihr Angebot, uns 7 weitere Strophen zum Mittelfrankenlied zu schicken, nehmen wir gerne an. Da Sie uns ja seit langer Zeit immer wieder bei Volksmusik-Veranstaltungen besuchen, freut es uns besonders, dass wir nun auch über unsere Internetseite Verbindung haben.
    Mit Dank und Gruß
    Armin Griebel

  4. Erich Ruppert:
    28 Nov 2016 um 20:11

    Liebe Frau Flach, meines Wissens stammt der Text für dieses Lied von Hannes Grebner aus Großlangheim. Jedenfalls ist der Text mit der o.g. Melodie nach einem oberschlesischen Lied in der vom damaligen Bezirksheimatpfleger für Unterfranken, Herrn Dr. Reinhard Worschech, zusammengestellten und herausgegebenen Broschüre "Hannes Grebner, Mundartliches aus Großlangheim", abgedruckt. Die 7 Liedstrophen handeln vorwiegend von der Region des Steigerwaldes und des Maintales um Volkach, also der Heimatregion von Hannes Grebner. Ferner lässt auch das Gesamtwerk von Grebner darauf schließen. Wenden Sie sich doch am besten mal an die Regierung von Unterfranken. Dort kann man Ihnen bestimmt weiter helfen.
    Herzliche Grüße
    Erich Ruppert

  5. Armin Griebel:
    30 Nov 2016 um 11:11

    Lieber Herr Ruppert,

    vielen Dank für Ihre Zuschrift. Wir haben sie per Mail an Frau Flach weitergeleitet.
    Ich hatte Frau Flach seinerzeit, in ähnlichem Sinn wie Sie, per Mail geantwortet und ihr meinen Aufsatz zum Thema mitgeschickt:
    Griebel, Armin: Heimathymnen. Zur Instrumentalisierung eines populären Liedes im 20. Jahrhundert, in: Alzheimer, Heidrun; Rausch, Fred G.; Reder, Klaus; Selheim, Claudia (Hgg.): Bilder - Sachen - Mentalitäten. Arbeitsfelder historischer Kulturwissenschaften. Wolfgang Brückner zum 80. Geburtstag. Regensburg: Schnell & Steiner 2010, S. 559-570.
    Den Aufsatz werden wir demnächst online stellen. Hier für alle, die meinen Blog-Beitrag noch lesen werden, unsere Antwort an Frau Flach:

    vielen Dank für Ihre interessante Zuschrift. Sie fragen, ob der Text des Unterfrankenlieds, den Sie dankenswerterweise mitgeschickt haben, von Ihrem Vater ist.
    Wie es aussieht, hat Ihr Vater den seit 1953 bestehenden Text eines Großlangheimer Lieddichters, den dieser vor allem auf den Steigerwald gemünzt hatte, auf den Spessart umgedichtet und umgedeutet.

    Ich schicke Ihnen meinen Aufsatz von 2010 zu dem Lied und seiner Geschichte, zu dem Sie mir eine neue Variante zugänglich gemacht haben.
    Offenbar hat das Lied eine große Wirkung auch dahin erzielt, dass es zu vielen Heimatliedern in unterschiedlichen Regionen angeregt hat.

    Anbei eine noch im Krieg entstandene Liedfassung aus Schweinfurt, die ich zufällig in einem Buch entdeckt habe.

    Das Unterfrankenlied von 1953 zum Vergleich im Aufsatz S. 44.

    Mit herzlichen Grüßen


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