Sendestart BR-Heimat

Schaug das'd in Schwung kimmst! Bayerische Trachten- und Schaukapelle Hans Schindler, Nürnberg um 1950. FFV_KT4137_0092
Schaug das'd in Schwung kimmst! Bayerische Trachten- und Schaukapelle Hans Schindler, Nürnberg um 1950. FFV_KT4137_0092

Mit Interesse hab ich den Start des Musikkanals BR-Heimat am 2.2. verfolgt. Etwas enttäuscht war ich, von Beginn an fast nur bairisch/alpenländische Stücke zu hören, darunter einige Instrumentalstücke, die sich scheinbar mit dem Thema „Lichtmess“ auseinandersetzten bzw. einen mit Lichtmess zusammengesetzten Titel tragen, was sie als Tänze für das Programm des Tages zu prädestinieren schien.

Wenn der Wellenchef von BR-Heimat, Stefan Frühbeis, aufzählt, wer alles zur großen Musikantenfamilie gehört, irritiert es, dass die erwähnten fränkischen Musikanten (aufgemerkt: Franken, flächen- und einwohnermäßig beinahe ein Drittel von Bayern) bis dahin gar nicht zu hören waren. Zu hören waren im Heimatspiegel immerhin die „Stäffelesgeiger“ aus der Hauptstadt der (nicht erwähnten, weil nicht alpenländischen?) Nachbarregion Baden-Württemberg mit einem Zwiefachen.

Fast fünf Stunden dauerte es vom Grußwort des Intendanten, bis die fränkische „Klangfarbe“ erstmalig zu hören war. Das hat sicher nichts damit zu tun, dass auf der Einführungsveranstaltung für die bayerischen Trachten- und Brauchtumsverbände im Vorfeld des Sendestarts verlautbart worden war: „Mischen geht nicht und darf man nicht!“ (Andere meinen, Volksmusik sei prinzipiell das Gemischte). Der gerade zitierte Satz der Programmbereichsleiterin war ja nun nicht auf die Einsetzbarkeit der Franken- Klangfarbe gemünzt, sondern galt dem geforderten „Reinheitsgebot“ der Volksmusik und den als unüberwindlich erachteten Genre-Schubladen, die ich wiederum als Volkskundler und Volksmusikforscher nicht so sehe. In dieser Beziehung hatte ich also bis 14 Uhr (Sendung „Obacht! Tradimix“) keine Aufregung zu erwarten.

Ich hatte mich getäuscht, denn kurz nach halb acht wurde mir als Triomelodie eines Walzers eine veritable Komposition von Dimitri Schostakowitsch (der sog. „Jazzwalzer Nr. 2“ aus einer Suite für Orchester) dem Titel nach als ‚boarische Musi‘ verkauft - in Anwesenheit des Chefs der neuen Welle, der sich in der gleichen Sendung grundsätzlich zur Rolle der Musik bei BR-Heimat äußerte (kein Wort zur Musikauswahl der Sendung).

Einerseits möchte ich diese traditionelle Volksmusikpraxis des „Stehlens“ und speziell die Übernahme aus der „Hochkunst“ begrüßen. Auch die mit der Schostakowitsch-Adaption verbundene Eingemeindung des Saxophons als Melodieinstrument in den Kanon „boarischer“ Instrumente finde ich beachtlich. Andererseits ist es bedenklich, dass diese „Einwanderung“ quasi mit stillschweigender Duldung geschah und der Einwanderer Schostakowitsch eigentlich illegal in der bayerisch/alpenländischen Volksmusik seine Heimat gefunden hat.  Bei einem studierten Musiker und GEMA-Mitglied fände ich die Berufung auf die „alt-ehrwürdige“ Musikantenpraxis allerdings befremdlich, die Nennung des 1975 verstorbenen Urhebers des populären Stücks (gerne gespielt von Jugend- und Schulorchestern) dagegen angemessen.

Der legendäre Kerwa-Musikant Hans Grötsch aus Westmittelfranken, der „seinen“ Automobil-Schottisch mit der bekannten Triomelodie von Thurban („Schorschl, ach kauf mir doch ein ...“) von einer fränkischen „Oberlandler-Kapelle“ übernahm, hat den Satz vom Stehlen übrigens so fortgesetzt: „Stiehl dir was, dann hast du was, aber lass jedem das Seine.“

Mit freundlichem Gruß und guten Wünschen für die Zukunft

Armin Griebel


Kommentare (2)

  1. Karl Edelmann:
    11 Jul 2016 um 19:07

    Lieber Herr Griebel,
    Zu Ihren leider etwas unsachgemäßen Recherchen bezüglich "stehlen" Schostakowitsch Walzer möchte ich Ihnen folgendes mitteilen:
    mitnichten habe ich mich hier an die wie von Ihnen bezeichnete „alt-ehrwürdige“ Musikantenpraxis gehalten.
    Vom Musikverlag Sikorski liegt mir eine Bearbeitungs- und Abdruckgenehmigung für den 1. Teil dieses Walzers vor, natürlich gegen Bezahlung einer Lizenzgebühr.
    Sogar die Namensnennung des Walzers als "Maschanzker Walzer" wurde mir genehmigt.
    In der Notenausgabe von mir wird auch Urheber, Verlag etc. erwähnt, wie es sich gehört.
    Befremdlich kann ich das nicht nennen, eher korrekt. Von stillschweigender Duldung kann hier wohl auch keine Rede sein.
    Für fehlerhafte, oder nicht vorhandene Moderationen im BR kann ich leider nichts.
    Hoffe, die fränkische Volksmusikforschung geht in Zukunft gewissenhafter bei Ihren Nachforschungen vor.

    Mit musikalischen Grüßen
    Karl Edelmann

  2. Armin Griebel:
    13 Jul 2016 um 12:07

    Lieber Herr Edelmann,
    als Antwort auf Ihren Beitrag habe ich diesen neuen Blog verfasst: http://volksmusik-forschung.de/blog/2016-07-13/ehre,-wem-ehre-geb%C3%BChrt/


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