Antisemitismus auf dem Tanzboden

von Armin Griebel

Der Aufsatz ist dem Katalog der Ausstellung „Zum Tanz aufgespielt!“ entnommen, welche die Forschungsstelle für fränkische Volksmusik 1990 an der Universitätsbibliothek Bamberg anlässlich der 12. Arbeitstagung der Kommission für Lied-, Musik- und Tanzforschung in der Deutschen Gesellschaft für Volkskunde ausrichtete. Der Beitrag wurde für diese Webseite aktualisiert.


In handschriftlichen Notenheften, hauptsächlich solchen, die in den Jahrzehnten um 1900 geschrieben wurden, stößt man gelegentlich auf Titel wie „Judenwalzer“, „Judenschottisch“, „Judenpolka“. Einzelne Hefte bzw. Notennachlässe enthalten sogar mehrere Tänze dieser Art. Das genannte Thema hat bisher offenbar keine Bearbeitung gefunden, sieht man von zwei größeren Aufsätzen zum Thema „Judentanz“ aus den 1930er Jahren ab, zu denen in unserem Zusammenhang und aus heutiger Sicht einige Anmerkungen zu machen sind. Zoder hat sie „Judentänze“ genannt (Zoder 1930, 123). Hier sollen die Spottänze antisemitischen Charakters zur Unterscheidung von Tänzen der Juden, in Anführungszeichen stehen.

Die Beziehungen zwischen Juden und Christen sind seit dem Mittelalter geprägt durch Vorurteile gegenüber den Juden. Ritualmord-Verdächtigungen, Bezichtigung der Karfreitags- und Hostienschändung speisten eine Judenfeindschaft, die latent vorhanden, in Krisensituationen ansprechbar war und schnell zur Pogromstimmung gesteigert werden konnte. Das konnte beispielsweise durch Flugblattlieder geschehen, wie das Lied auf eine angebliche Entweihung des Karfreitags durch Schwabacher Juden, das Bänkelsänger im Jahre 1727 auf Jahrmärkten verbreiteten. Das Lied wurde noch Jahre später gesungen und löste in Würzburg Exzesse gegen die Juden aus (Haenle 1867,129).

Im 19. Jahrhundert erhielt der religiös geprägte Judenhass eine zusätzliche Komponente durch völkisch-rassische Vorstellungen. Er verschob sich zu einem Zeitpunkt in den politischen Bereich, als sich mit fortschreitender rechtlicher Emanzipation der Juden ihr Aufstieg aus dem Ghettodasein ins Bürgertum vollzog. Sozialneid, geweckt durch den wirtschaftlichen Aufstieg der Juden bei gleichzeitiger Verarmung christlicher Bevölkerungsschichten, sorgte für eine explosive Stimmung. Im Sommer des Jahres 1819 brachen in den fränkischen Teilen des bayerischen Königreichs schwere Judenverfolgungen aus, die vor allem in Würzburg das bisher Dagewesene überschritten und bis 1822 mit Unterbrechungen andauerten. Auch in Bayreuth kam es zu Ausschreitungen. Am 12. August 1819 versammelten sich am Abend gegen 8 Uhr „ein Haufe müßiger ungesitteter Leute in der Hauptstraße, indem sie den bekannten insultierenden Zuruf Hep-Hep allenthalben laut werden ließen, nachdem in einigen Judenwohnungen am Tage zuvor Fensterscheiben eingeworfen worden waren“ (Bayreuther Zeitung, Nr.160, 15.8.1819).

Die Emanzipation der Juden in Deutschland brachte nicht in gleichem Maße eine Assimilation mit sich, wie dies christliche Befürworter vielleicht gehofft hatten. Ihre jüdische Identität total aufzugeben, waren die wenigsten bereit: „Die große Mehrzahl bildete bei aller Assimilationstendenz weiterhin eine durch Religion, Abstammung, Tradition, Zusammenhalt und Berufsstruktur deutlich unterscheidbare Minorität. Diese Bewahrung der Identität bei gleichzeitigem Aufstieg vom Ghettodasein ins Bürgertum sollte sich aber als ein Faktum erweisen, das die Gesellschaft auf die Dauer nicht zu tolerieren bereit war“ (Richarz 1976, 63).

Auf dem Land ergaben sich vor allem Konflikte zwischen verarmenden Bauern und prosperierenden jüdischen Händlern. Aus jüdischer Sicht zeichnet Julius Frank, (geb. 1889 in Steinach a. d. Saale/Rhön) in einem autobiographischen Beitrag ein ambivalentes Bild, wenn er über Gemeinsamkeiten zwischen Juden und Christen in einem 800-Seelendorf - von den 80 jüdischen Einwohnern waren etwa ein Dutzend Viehhändler - nachdenkt: „Die Tatsache, dass es keine gemeinsame Schule gab, trug viel zum Fehlen eines Gemeinschaftsgefühls bei. Jüdische Männer besuchten kaum je eines der beiden Wirtshäuser, sondern ließen sich ihr Bier nach Hause kommen. [...] Es war nicht zu verwundern, dass bei der gegebenen Absonderung ein latenter Antisemitismus ein Dauerbestandteil des bäuerlichen Fühlens war. [...] Andererseits hatte das alles kaum Einfluss auf das tägliche Leben. Die Bälle der Feuerwehr und des Kriegervereins standen den Juden wie Christen offen, und mein Vater versäumte als alter Soldat nie, den letzteren zu besuchen“ (Frank 1979, 193).

Unter den seltenen biographischen Zeugnissen ein Einzelbeleg, ist es doch bemerkenswert, dass sich Frank bei der Frage nach Gemeinsamkeiten mit den Christen an marginal scheinende Ereignisse wie Tanzbälle erinnert. Wenn er die Erfahrungen aus seinem späteren Wohnort Mainstockheim (Ufr.) zusammenfasst, kommt er ebenfalls auf die Tanzveranstaltungen zu sprechen: „Zwar hielten die Juden an Schawues und Simchat Thora ihre eigenen Bälle, aber die Jugend tanzte zusammen auf den Kirchweihfesten“ (Frank 1979, 198).

In dem westlich von Fürth gelegenen Wilhermsdorf, das auch als Druckort jüdischer Schriften bekannt ist, hielt die jüdische Bevölkerung in der Mitte des 19. Jahrhundert eigene Tanzveranstaltungen ab. Aus dem Einnahmenverzeichnis eines Musikers aus den Jahren 1842-51 geht hervor, dass die Juden des mittelfränkischen Ortes für ein bis zwei Tanzveranstaltungen im Jahr und für Hochzeiten die Dienste der örtlichen Musikkapelle in Anspruch nahmen. Dass die Musiker wenig mit den Riten und Gebräuchen ihrer Mitbürger vertraut waren (fast 20% der ca. 1200 Einwohner  waren Juden), belegt die mehrmals gebrauchte Bezeichnung „Juden Kirchweih“ für ein von ihnen mit (Tanz-)Musik versorgtes Fest.

Es bleibt festzuhalten, dass öffentliche Tanzveranstaltungen Christen und Juden offen standen und vor allem der Jugend Gelegenheiten boten, zusammenzukommen. Bei solchen, von beiden Gruppen besuchten Veranstaltungen kamen wohl die Stücke aus den Handschriften zum Einsatz.

Als Richard Zoder 1930 „Judentänze“ zum Gegenstand seiner typologischen Studie machte, sind die von ihm beschriebenen Tanzformen kein allgemein bekanntes Tanzgut mehr. Bereits 1919 hatte er mit dem Abdruck einer „Judentanz“-Melodie die Frage nach der Tanzform aufgeworfen (Zoder 1919, 104). Die darauf eingesandten Belege wertete er im Aufsatz von 1930 aus. Seine Beispiele gehören zu einer älteren Schicht von Tänzen, die in Worten und Gebärden unverstandene jüdische Brauchformen verspotten. Diese Tänze haben sich, wie wir meinen begünstigt durch antisemitische Stömungen, das ganze 19. Jahrhundert hindurch erhalten, wurden dabei verändert und weiterentwickelt. Sie bildeten damit den geeigneten Stoff für eine Monographie, die sich als Vorarbeit für eine Tanzforschung ausgab, deren Ziel es sein sollte, „die Zusammengehörigkeit gewisser Volkstänze festzustellen, der Urform nachzuspüren und eine Klassifikation der Volkstänze vorzubereiten“ (Zoder 1930, 122).

Zoder kümmerte sich weder um funktionale Aspekt noch soziale Implikationen dieser Tänze. Er schrieb jedoch nicht in einer für das Thema neutralen Zeit. Wenn er auch sonst mit keinem Wort auf den sozialen Konfliktstoff seines Themas eingeht, liest man mit Interesse, was er im Vorfeld einer neuen Judenverfolgung zum Verhältnis von Christen und Juden zu sagen hat: „Der Tanz selbst wird wohl heute selten mehr getanzt, und es ist dies für die Einstellung des Volkes den Juden gegenüber bemerkenswert, dass die Darstellung beziehungsweise Verspottung des jüdischen Gebetes in Form eines Tanzes fast verschwunden ist und nur mehr im Kinderlied, das ja immer eine Schatzkammer der Vorzeit war, fortlebt.“

Seit Zoders Anfrage von 1919 (und auf die Abhandlung von 1930 hin) wurden eine Reihe von „Judentänzen“ eingesandt und in der Zeitschrift „Das deutsche Volkslied“ abgedruckt. Richard Wolfram und Hans von der Au haben dort später noch „lebendige“ Beispiele aus den deutschen Sprachinseln beigebracht.

Die „Judentanzfoschung“ Hans von der Aus, möglicherweise durch Zoders Aufsatz geweckt, hat einen ganz anderen Ansatz. Geht es bei Zoder um ein Beispiel für eine Tanztypologie, so ist von der Aus Beitrag zum Thema in erster Linie antisemitistisches Pamphlet. Der in jüngeren Tanzbibliographien nicht mehr nachgewiesene Aufsatz hat den Titel „Der Jude im Tanz der Landschaft Rheinfranken“ und erschien im Frühjahr 1938. In seinen Ausführungen bezieht er sich hauptsächlich auf Tänze, die aus den Jahren der Gründerzeit stammen, als organisierter Antisemitismus dem tanzmusikalischen Judenspott zu neuer Blüte verhalf. Es geht ihm nicht um Tanzformen, die zu seiner Zeit auch gar nicht mehr im Schwange waren, und die Beispiele sind nicht nach typologischen Gesichtspunkten ausgewählt. Sie sollen in der Massierung seine völkische These vom deutschen „Rasse-Instinkt“ gegen die Juden stützen (Au 1938, 45).

In Ausweitung seines Themas auf die Rolle des Juden im Brauchtum der Landschaft Rheinfranken versteigt sich Hans von der Au dann zu einem furchtbaren Vergleich. Seine Deutung des „Judasverbrennens“, bei ihm „Judverbrennen“ (!) genannt, kann man nur als literarische Vorwegnahme und „volkskundliche“ Rechtfertigung der „Endlösung der Judenfrage“ lesen: „Hier erst geht ganz klar hervor, was im Tiefsten der ‚Jud‘ ist: Das, was vernichtet werden soll, und zwar vollständig, indem es das Feuer verzehrt, denn er ist der Inbegriff des Lebensfeindlichen, Schmutzigen, Unheiligen. Die im Tanz und Brauchtum auf dem Umweg über den Spott zum Ausdruck gestaltete Hoffnung und Sehnsucht aber hat ihre Erfüllung gefunden: durch Adolf Hitler!“ (Au 1938, 86)

Hans von der Au (1892-1955), bis 1934 Landesjugendpfarrer in Hessen, 1939 mit einer Arbeit zum Thema Volkstanz promoviert, hat nach 1945 wieder als evangelischer Pfarrer und Lehrer gearbeitet. Ob er sich von den am Vorabend des Genozids an den europäischen Juden geäußerten rassehygienischen Thesen distanzierte, ist nicht bekannt.


Literatur:

Au, Hans von der: Der Jude im Tanz der Landschaft Rheinfranken. In: Volk und Scholle. 16/1938, S. 41-51, 83-86 (nationalsozialistisch).

Daxelmüller, Christoph: Jüdische Kultur in Franken, Würzburg 1988.

Daxelmüller, Christoph: Die deutschsprachige Volkskunde und die Juden. Zur Geschichte und den Folgen einer kulturellen Ausklammerung. In: Zeitschrift für Volkskunde 83 (1987), S. 1-20.

Daxelmüller, Christoph: Volkskultur und nationales Bewusstsein. Jüdische Volkskunde und ihr Einfluß auf die Gesellschaft der Jahrhundertwende. In: Jahrbuch für Volkskunde (NF) 12 (1989), S. 131-146.

Frank, Julius, Reminiscenses of Days gone by. Ms. undatiert, 55 S. - Verfaßt NewYork 1969. Frei übersetzt vom Autor 1977, in: Richarz, Monika (Hrsg): Jüdisches Leben in Deutschland. Band 2: Selbstzeugnisse zur Sozialgeschichte im Kaiserreich, Stuttgart 1979.

Griebel, Armin; Steinmetz, Horst: Zum Tanz aufgespielt!. Noten, Bilder und Instrumente zur Tanzmusik in Franken.Katalog zur Ausstellung in der Universitätsbibliothek Bamberg vom 13.9. bis 6.10.1990, Walkershofen 1990 (= Veröffentlichungsreihe der Forschungsstelle für fränkische Volksmusik 51).

Haenle, S.: Geschichte der Juden im ehemaligen Fürstenthum Ansbach, Ansbach 1867.

Kluxen, Andrea; Hecht, Julia (Hrsg.): Antijudaismus und Antisemitismus in Franken, Ansbach 2008 (= Franconia Judaica 3).

Mahr, Helmut: Stätten jüdischen Lebens im Landkreis Fürth. 2. Aufl. Fürth 2009.
vgl. Mahr, Helmut: Places of Jewish Life in the District of Fürth. www.rijo.homepage.t-online.de/pdf/EN_BY_JU_mahr.pdf

Richarz, Monika (Hrsg): Jüdisches Leben in Deutschland. Band 1: Selbstzeugnisse zur Sozialgeschichte 1780-1871,. Stuttgart 1976.

Rieger, Susanne; Jochem, Gerhard: Chronologie zur Entwicklung der jüdischen Gemeinde in Wilmersdorf. www.rijo.homepage.t-online.de/pdf/DE_BY_JU_wdf_chronol2.pdf

Wilhermsdorf (Bearbeiter: Barbara Eberhardt; Hans -Christof Haas. In: Mehr als Steine... Synagogen-Gedenkband Bayern. Band II. Hrsg. von Wolfgang Kraus, Berndt Hamm und Meier Schwarz. Lindenberg im Allgäu 2010, S. 724-735.

Zoder, Raimund: Judentänze. In: Jahrbuch für Volksliedforschung 2 (1930), S. 122-138.

Zoder, Raimund; Preiß, Rudolf (Hrsg.): Bauernmusi. Oesterreichische Volksmusik, Band 1 und 2,. Leipzig 1919/25.


weiterführende Literatur:

Bohlman, Philip: Jüdische Volksmusik. Eine mitteleuropäische Geistesgeschichte. Wien 2005.

John, Eckhard; Zimmermann, Heidy (Hrsg): Jüdische Musik? Fremdbilder - Eigenbilder, Köln u.a.. 2004.

Birgit Johler;  Barbara Staudinger (Hrsg.): Ist das jüdisch? Jüdische Volkskunde im historischen Kontext. Beiträge der Tagung des Instituts für jüdische Geschichte Österreichs und des Vereins für Volkskunde in Wien vom 19.-20.11.2009 im Österreichischen Museum für Volkskunde, Wien 2010 (= Buchreihe der Österreichischen Zeitschrift für Volkskunde, 24).


Empfohlene Zitierweise:

Armin Griebel: Judenspott und Antisemitismus auf dem Tanzboden, in: Forschungsstelle für fränkische Volksmusik, URL http://www.volksmusik-forschung.de/ (23.03.2011)