Kapelle Hartner

Kapelle Hartner, Burgbernheim um 1910; re: Georg Hartner
Kapelle Hartner, Burgbernheim um 1910; re: Georg Hartner

Die Sendung „Fränkisch vor Sieben“ auf BR Heimat am 15. Februar 2018 hat die Kapelle Hartner aus Burgbernheim in den Fokus gestellt. Beim vorliegenden Text handelt es sich um die schriftliche Fassung des Moderationstextes.

Haben Sie heute schon auf unserer Internetseite br.de/volksmusikausfranken vorbeigeschaut? Dann hätten Sie sie schon gesehen, die Herren von der Kapelle Hartner, um die es heut geht. Auf der rechten Seite steht er, der Georg Hartner aus Burgbernheim, dem die Kapelle den Namen verdankt. In den Jahren vor und nach dem Ersten Weltkrieg hat sie mehr als 70 Titel auf Schellackplatten eingespielt. Ich bin Heidi Christ und erzähle heute von der Kapelle Hartner aus Burgbernheim. Paul Meier und seine Winkelhaider Musikanten machen aber den Anfang, mit dem „Musikantenschottisch“.

Musikantenschottisch
Paul Meier und seine Winkelhaider Musikanten

Mei Schatz is a Musikant
Mitterteicher Dreigesang

Die Damen vom Mitterteicher Dreigesang haben wissen lassen „Mei Schatz is a Musikant“. Klingt eigentlich ganz nett, aber heißt halt auch: Wenn er zum Musikmachen fort ist, der Schatz, dann sitzt die Frau allein daheim, mit der ganzen Arbeit. Oder aber: auf’m Tanzboden hat sie keinen Tanzpartner. „Mei Schatz is e Musikant und er blost die Klarnett, und er tät se nit blose, wann er die Lisl nit hätt“, heißt’s in einem Vierzeiler aus der Pfalz. Trompete, oder wahrscheinlicher ein Piston hat der Georg Hartner geblasen, sein Schatz war die Christine. Und jetzt hören wir ihn und seine Kapelle in einer Aufnahme aus dem Jahr 1909. Mit dem „Dinkelsbühler Klarinettenländler“. Fast alle Klarinettenländler der Kapelle Hartner werden zweistimmig dargeboten. In den Nachspielteilen führt allerdings eine Trompete allein die Melodie. Wir vermuten, dass es sich dabei um Georg Hartner handelt. Er hat einen guten Ruf als Trompeter gehabt und es ist überliefert, dass er in Würzburg bei Musikaufführungen mitgewirkt hat.

Dinkelsbühler Klarinetten-Ländler
Hartner Burgbernheim-Kapelle reinhören (FFV_SP_1693_B001)

beiges Label der Schellackplatte mit grüner Aufschrift "Zonophone Record Kat.Nr. 520701, Best.Nr. 16169"

Ja, so klingt sie, die Kapelle Hartner aus Burgbernheim. Im September 1909 ist die Aufnahme in Ansbach für das Label Zonophone entstanden. An der Forschungsstelle für fränkische Volksmusik besitzen wir inzwischen fast 6.000 von diesen frühen Industrieschallplatten, einige hundert mit fränkischen Aufnahmen. Ich erzähl Ihnen später noch mehr dazu, jetzt hören wir erstmal Musik aus den 2000er Jahren. Blechquadrat stellt uns seine „Musikantenfreunde“ vor, die Eismannsberger Sängerinnen sinnieren über unsern Bauern und die Blechmusik des Celtis-Gymnasiums Schweinfurt hat den „Gesellschaftswalzer Nr. 1“ aus der Sammlung Johann Kaufmann Sommerach aufgelegt. Ganz ohne die altüberlieferten Musikstückla geht’s halt doch nicht.

Musikantenfreunde
Blechquadrat

Ja unser Bauer
Eismannsberger Sängerinnen und Saitenmusik

Gesellschaftswalzer Nr. 1
Blechmusik des Celtis-Gymnasiums Schweinfurt

Die Blechmusik des Celtis-Gymnasiums Schweinfurt mit dem Gesellschaftswalzer aus einer alten Notenhandschrift. Die Kapelle Hartner aus Burgbernheim steht heut im Mittelpunkt unseres Interesses. Mehrere Stimmhefte und Melodiehefte von Georg Hartner, alle handschriftlich, gibt es an der Forschungsstelle für fränkische Volksmusik. Ganz sicher hat er nicht alle selber verfasst, manche enthalten Einträge, die auf Vorbesitzer hinweisen, zum Beispiel auf den früheren Burgbernheimer Kapellenleiter Valentin Müller, oder auf noch nicht identifizierte Verbindungen nach Hersbruck. Von besonderem Interesse sind die Notenbücher für 10-stimmige Blechmusik mit der Archivsignatur HM 53. Ich leg Ihnen nochmal das Foto auf der BR-Internetseite ans Herz (Das Foto ist auch ganz oben in diesem Blog zu sehen). Genau für diese Besetzung sind die Hefte nämlich geeignet und es drängt sich die Vermutung auf, dass die 13 Stücke dieser Stimmhefte genau für Schellackaufnahmen angelegt worden sind. Hier gibt’s ein paar Einblicke und die nötigen Beweise.

Ein weißer, viereckiger Aufkleber mit roten und schwarzen Rändern von einem historischen Notenheft, mit der Aufschrift "Piston in B. G. Hartner 1910" und einem Stempel "Georg Hartner, Musik-Dirigent, Burgbernheim", in dessen Zentrum eine Lyra zu sehen ist, mit Blätterranken begrenzt.

Titelvignette des Stimmheftes für Piston (vergrößert; FFV_KT0043_HM0053_Piston)

Historische Notenhandschrift für Klarinette mit der Überschrift "No. 9 Polca"

„No. 9 Polca“ aus dem Stimmheft für Klarinette – komplett notiert (FFV_KT0043_HM0053_Klarinette)

Historische Notenhandschrift. Von der Polca No 9 sind im Stimmheft für Poston nur die ersten drei Takte notiert

„No. 9. Polca“ aus dem Stimmheft für Piston – wohl für den Kapellmeister Georg Hartner selbst, hier sind nur die ersten zweieinhalb Takte notiert (FFV_KT0043_HM0053_Piston)

Im Archiv haben wir mehrere Schellackplatten der Kapelle Hartner aus Burgbernheim, die belegen, dass die in den Stimmheften notierten Titel aufgenommen worden sind. Der „Theresienwalzer“ (No. 6) und der Walzer „Wenn du net willst“ (No. 5) sind auf den zwei Seiten der Platte Continental 518 (ca. 1910/11), letzerer auch auf Favorite Record 1-12493 (vermutlich aufgenommen am 18.07.1910). Auf der anderen Seite der Favorite-Platte ist die Polka „In Böhmen liegt ein Städtchen“ (No. 9) zu hören, die  auch unter dem Titel „Klänge aus Burgbernheim“ veröffentlicht worden ist. Der Walzer „Wenn du nicht willst“ ist unter dem Titel „Louisen-Walzer“ auch auf Kalliope No. 4935 von der Kapelle Hartner – umseitig darauf die Polka „Dunkelblauer Frack“ (No. 11). Die Kalliope-Aufnahmen sind auf etwa 1914 zu datieren. Der Schottisch „Der Silberjörg“ (No 2) ist auf Favorite F. 291  und der Galopp „Sturmeseile“ (No. 12) auf Walhalla Record 2302 AR eingespielt worden.

Jetzt aber lassen wir die Männer aus Burgbernheim wieder an’s Mikrophon. Mit dem Klarinettenschottisch „Beim Hammerwirt“. Auch diese Aufnahme stammt aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg.

Beim Hammerwirt (Klarinettenschottisch)
Kapelle Hartner reinhören (FFV_SP_0178_A001)

Label der Schellackplatte mit Aufschrift "Walhalla Record Ar 300". In der oberen Hälfte in idyllischer Wald- und Wiesenlandschaft links eine Doppelaulosspielerin mit blonden langen Haaren im grünen Gewand, rechts eine Lyraspielerin mit schwarzen langen Haaren im rosa Gewand. Die untere rote Hälfte ist beschriftet mit dem Musiktitel „Beim Hammerwirt. Klarinetten-Schottisch“ und den Interpreten „Kapelle Hartner, Brugbernheim; recte Burgbernheim“


Die Aufnahme grad hat schon mehr als 100 Jahre auf dem Buckel. Wer weiß, ob’s die folgenden zwei Stücke in 100 Jahren noch gibt?

Bayerischer Bauer
Nürnberger KnopfSaiten-Trio

Owa schau, schau, da Baua waar schlau
Oberpfälzer Jura-Sängerinnen

„Owa schau, schau, da Baua war schlau“, haben die Oberpfälzer Jura-Sängerinnen festgestellt und das Nürnberger KnopfSaiten-Trio hat gewarnt „Moidl, i sog dir’s drei, viermol“. Das nächste Musikstück kommt von den Bamberger Tanzgeigern: „All'weil sein die Bauern lustig“.

All’weil sein die Bauern lustig
Bamberger Tanzgeiger

Wos braucht ma auf an Bauerndorf
Hammerbacher Singkreis

Fränkischer Musikanten Marsch
Stadtkapelle Velden

Der Hammerbacher Singkreis hat gefragt, was man auf einem Bauerndorf braucht – natürlich auch Musikanten, drum hat uns die Stadtkapelle Velden den „Fränkischen Musikanten Marsch“ gespielt, eine Komposition von Hans Auer aus Leutershausen. Der wiederum steht in der Tradition der alten Tanzmusikanten, wie unser Georg Hartner einer war. Richtiggehend eine Musikschule hat dieser besucht, beim renommierten Musikmeister Eduard Fürst in Neustadt an der Aisch. Soweit wir das wissen, war er der erste Fürst-Schüler, der sich mit einer eigenen Kapelle selbstständig gemacht hat. Im Ersten Weltkrieg war der Georg Hartner zwischen November 1916 und November 1918 zur Bataillonsmusik beim Bayerischen Landsturm-Infanterie-Bataillon Ansbach kommandiert. Und bevor wir wieder Musik hören, verrate ich Ihnen noch, dass der Georg Hartner den weit über die Grenzen von Burgbernheim hinaus bekannten Klarinettisten Hans Grötsch ab 1924 als Schüler ausgebildet und danach als versierten Musikanten in seiner Kapelle eingesetzt hat. Bevor so ein Musikant also „Auf’n Musikantenstängla“ sitzen darf, wie die Küpser Volksmusikanten, muss er erst einmal eine Ausbildung machen. Deshalb zuerst die Fränkische Streichmusik der Berufsfachschule für Musik Bad Königshofen mit einem „Walzer“.

Im Hintergrund das Untergeschoß eines Hauses, aus den beiden geöffneten Fenstern schaut jeweils ein Mann heraus. Vor dem Haus, auf einer Wiese, stehen mehrere Männer, Frauen und ein blondes Mädchen in Sonntagsgewändern, vor ihnen liegen 5 jüngere Mönner und davor mehrere Blechblasinstrumente auf einem Haufen.

Hans Grötsch (liegend, links) als junger Musikant mit der Kapelle Harttung aus Burgbernheim. Albert Harttung hat die Burgbernheimer Kapelle nach dem Tod Georg Hartners weigergeführt. Rechts mit dem Maßkrug in der Hand Michael Felbinger (FFV_TO_Burgbernheim)

Im Hintergrund eine weiße Wand mit vielen historischen Musikantenfotos. Davor auf zwei Stühlen sitzend die Musikanten Hans Grötsch (mit Klarinette im Mund, links) und Albert Harttung (Akkordeon spielend, rechts). Beide tragen sogenannte Kreissägen-Hüte, weiße Heimden, schwarze Krawatten, dunkelrote Westen und schwarze Hosen.

Hans Grötsch (links) mit dem gleichnamigen Sohn seines ehemaligen Kapellmeisters Albert Harttung 1983 bei einer Ausstellungseröffnung im Freilandmuseum Bad Windsheim (FFV_KT4139_0002_01_4)

Walzer Nr. 17
Fränkische Streichmusik der Berufsfachschule für Musik Bad Königshofen

Auf’n Musikantenstängla
Küpser Volksmusikanten

Und wissen’s, wer noch in der Nachfolge vom Georg Hartner steht? Ein weiterer, ganz bekannter Musikant aus Burgbernheim, der Martl Felbinger nämlich. 1918 ist er geboren und damit 7 Jahre jünger als der grad erwähnte Klarinettist Hans Grötsch. An der Forschungsstelle für fränkische Volksmusik haben wir sogar ein Foto von der Kapelle Hartner, auf dem der kleine Martl mit den Musikanten zu sehen ist. Sein Papa hat nämlich auch schon mitgespielt, beim Georg Hartner.

Auf einer Wiese sitzen und knien 7 Männer, die sich mit Bierkrügen zuprosten. Vor ihnen liegen am rechten Bildrand mehrere Blechblasinstrumente auf einem Haufen. Im Hintergrund eine Scheune und einige Bäume. Das Kind, das zwischen den Männern steht, ist der etwa vierjährige Martl Felbinger.

Die Kapelle Hartner am Kapellenberg in Burgbernheim. Michael Felbinger (2. von links) hat bereits mit Georg Hartner (rechts neben dem Kind) musiziert. Der auf diesem Foto etwa vierjährige Martl (Martin) Felbinger war bestimmt öfter mit von der Partie (FFV_TO_Burgbernheim)

Viele Musikanten und einige Frauen in Oberlandler Tracht auf Stühlen und Bänken auf einer Bühne sitztend.

Michael Felbinger (5. Musiker von rechts) als Mitglied einer Oberlandlerkapelle im Lokal "Neue Welt" in Berlin (FFV_KT4149_0005_R41)

12 Männer einer Blaskapelle in kurzen Lederhosen und weißen Hemdem posieren mit Instrumenten vor einer Gebirgskulisse auf einer Bühne

Martl Felbinger (vorn, Mitte) mit seiner Kapelle 1954 in Frankfurt, im Lokal „Oberbayern“ des Maier-Gustl (FFV_KT4149_0005_R44)

Und wir gehen jetzt zurück ins Jahr 1909. Da hat die Kapelle Hartner in Ansbach eine sogenannte humoristische Szene aufgenommen. Die Musikanten vermitteln den Eindruck einer fröhlichen Wirtshausrunde, mit Musikanten und sangesfreudigen Gästen. Und genau die haben sich die Musikanten extra für die Schellackaufnahme eingeladen. Aber horchen’s doch selber rein, wie’s zugeht in einem mittelfränkischen Dorfwirtshaus.

In einem mittelfränkischen Dorfwirtshaus
Kapelle Georg Hartner reinhören (FFV_SP_0159_A001)

beiges Label der Schellackplatte mit grüner Aufschrift "ZONOPHONE RECORD X-5–20702"


„Gut Nacht ihr Musikant’n, gut Nacht ihr Wirtsleit, gute Nacht, ihr scheen Madli, bei eich hat’s mi gfreit“ – ganz so weit sind wir noch nicht. Tanzmusik aus der Konserve, und das in der Zeit um die Wende zum 20. Jahrhundert – unsere Kinder können sich das gar nicht vorstellen, was das für eine Errungenschaft war! Um 1907 hat die Schallplattenindustrie einen gewaltigen Aufschwung erlebt. 1,5 Millionen Tonträger und 250.000 Wiedergabegeräte sind jeden Monat in Deutschland produziert worden. Billigmarken, Konkurrenzkampf, Handel bis nach Russland und in die USA. Und wie sie gespielt haben, die Musikanten, die man sonst doch eigentlich nur live und in Farbe auf dem Tanzboden gehört hat! Genau! Grad so, wie ebendort auch. Oft ohne Noten, manchmal sogar frei improvisiert – die vorhin erwähnten Notenhefte bestätigen das, finden sich doch in manchen Stimmen nur die ersten zwei, drei Takte, der Rest war den Musikanten dann schon wieder klar. Jetzt aber wollen wir „nach Hause gehn“, mit den Aurataler Sängern. Vorher noch die Hofer Musikanten mit dem „Musikanten-Schottisch“.

Musikanten-Schottisch
Hofer Musikanten

Jetzt wollen wir nach Hause gehn
Aurataler Sänger

Da sind noch mehr Musikanten auf dem Heimweg: die von Blechquadrat nämlich, denen die Dalemer Studentlich zuvor noch den Allerletzten spendieren.

Da Hamweg
Blechquadrat

Der Allerletzt
Dalemer Studentlich


br.de/volksmusikausfranken und volksmusik-forschung.de sind die Internetseiten, die ich Ihnen noch ans Herz lege. Und dann verabschieden wir uns ganz schnell von Ihnen, mit den Tanngrindler Musikanten und dem „Geretsrieder Musikanten Marsch“.

Geretsrieder Musikanten Marsch
Tanngrindler Musikanten

Heidi Christ


Mehr historische Schellackaufnahmen von der Kapelle Hartner und vielen anderen Interpreten aus Franken finden Sie in unserem Shop hier. Wer Lust hat, die Stücke nachzuspielen, findet die Noten hier und hier – die CD "Dou ko mer tanz'n sakradi" ist leider bereits vergriffen.


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