Musikantenpraxis

Musikantenpraxis

Bei der Vorbereitung zum Volksmusiklehrgang hat unser Kollege Christoph Lambertz von der Beratungsstelle für Volksmusik in Schwaben einen interessanten Fund gemacht. Er schreibt uns: „Liebe Franken, nächstes Wochenende ist unser Bläser- und Streicherkurs in Violau, weswegen ich gerade in alten Salonorchesternoten herumkrame. In den „Tonblumen. Heft 16“ (mehr als das Kürzel A.& L. 346 für den Verlag steht nicht dabei) habe ich einen Walzer entdeckt, der mir bekannt vorkam. Es ist die Nr. 1 aus der Veröffentlichung „Tafelmeiers Tanzmusik“.

Kopie aus dem Notenheft Tonblumen 16, 086_Merzdorf_SMFG-SG35VM18030217150_01.jpg
Da hat er Recht, der Kollege! Uns war das bisher nicht bekannt, denn genau haben wir die „Tonblumen“ bisher noch nicht untersucht. Dabei sind die Notenhefte aus dem Verlag Ackermann & Leser aus Dresden in unserem Notenarchiv gar nicht so selten. Die „Tonblumen 16“, in welchen Christoph Lambertz seinen Fund gemacht hat, haben wir u.a. in kompletten Sätzen oder einzelnen Stimmheften aus Gemünda, Großwalbur und Weidenberg aus Oberfranken oder Reiterswiesen, Sulzfeld i. Grabfeld und Goßmannsdorf aus Unterfranken. Über die Firma Ackermann & Leser aus Dresden ist nicht viel mehr bekannt als das, was Armin Griebel schon anlässlich des Seminars für Volksmusikforschung und -pflege 1984 in Schwarzach am Main zusammengetragen hat:

„Musikverlag, der neben Konzert- und Marschmusik auch Sammlungen von Tanzmusik anbietet. Seit den achtziger Jahren des 19. Jh. erscheinen verschiedene Reihen : Tonblumen für Streichmusik (pro Heft 32 Nummern), enthält viele Quadrillen, Polonaisen und gehobene Tanzmusik; die Sammlung Tanzperlen für Blasmusik (24 Nummern pro Heft) und Der Tanzfreund, dessen zweites Heft zum Jahr 1900 erschien (Nr. 1: Vivat hoch das neue Jahrhundert. Marsch). Von Ackermann & Lesser waren in Einzelausgaben viele Quadrillen verbreitet, einige von A. Merzdorf, von dem sich viele Kompositionen bei diesem Verlag finden. Weit verbreitet dürften die Volksmelodienquadrille und die Fridolin-Quadrille von Tr. Munkelt gewesen sein.“ (Griebel, Armin: Frühe gedruckte Tanzmusik und ihre Resonanz im Repertoire fränkischer Musikanten. Ein Zwischenbericht, in: Bayerischer Landesverein für Heimatpflege e.V. (Hg.): Volksmusikforschung und -pflege in Bayern. Siebtes Seminar. Volksmusiklandschaft Unterfranken. Vorträge und Ergebnisse des Seminars in Schwarzach am Main vom 10. bis 15. September 1984. München: Bayerischer Landesverein für Heimatpflege e.V., 1987, S. 189-218, hier S. 194, FFV_SB_0001_7_189-218)

Mario Weller vom Musikinstrumentenmuseum Markneukirchen ergänzt diese mageren Angaben in einem Forumsbeitrag folgendermaßen: „In meinen bisherigen Aufzeichnungen habe ich zum größten Teil Metallblasinstrumente der Firma Ackermann & Lesser finden können. In den Weltadressbüchern von 1912 und 1925 ist man mit dem Hinweis auf 'Herstellung von Streich-, Holz- und Metallblasinstrumenten und Verlag' eingetragen. Interessant ist die Anmeldung von zwei Reichs-Gebrauchsmustern (D.R.G.M.) im Jahre 1907, ein Doppelhorn sowie ein 'Verbund-Piston' (was auch immer damit gemeint ist). Literatur: 'Verzeichnis der Holz- und Metallblasinstrumentenmacher auf deutschsprachigem Gebiet von 1500 bis Mitte des 20. Jahrhunderts', Günter Dullat, Verlegt bei Hans Schneider, Tutzing, 2010, Seite 53“ (http://www.museum-markneukirchen.de/forum/viewtopic.php?f=12&t=2822; Zugriff 13.03.2018)

Noch weniger Informationen finden sich zum Komponisten unseres Frauenlob-Walzers, A. Merzdorf. Er taucht als Komponist in den Verlagen Ackermann & Lesser, Seeling (beide Dresden) und Aug. Linsdorf (Dessau) mit mehr als 270 Einträgen in unserer Datenbank auf, in Notennachlässen aus ganz Franken.  Das "Dessauer Tanz-Album 09, D-Tänze" ist auf das Jahr 1882 datiert. Und hier lässt sich sehr schön die These belegen,  dass diese Notenhandschriften bei weitem nicht nur Stücke aus den Federn (und Kugelschreibern) der Notenschreiber enthalten. Die haben auch von den Erfolgen Anderer gelebt und schöne Stücke gesammelt. Fritz Schmidt und Georg Schirmer – beide Musikanten aus Windsheim – haben Merzdorf-Titel in ihre Noten übernommen, z.B. den "Sängerlust- Marsch" (KT0042 HM0036), die "Victoria-Quadrille" (KT0076 HM0520) oder eine Polka mit dem lustigen Titel "Der Hausfreund oder du Rhinocerus" (KT0076 HM 0544). Ebenso hat der – nachweislich selbst als Komponist tätige – Gottlob Horlbeck aus Bad Berneck mit seiner Kapelle Merzdorf gespielt, das Lied "Schau ich in deine Augen" (KT1013 HO0200), die "Prinzeß-Quadrille" (KT1014 HO0202) mit 9-stimmiger Blechmusik beispielsweise oder, nur für Violine I aus einer Streichmusik überliefert, die Kreuzpolka-Melodie "Herzblümchen" (KT1017 HO0226).

Nun müssten wir also mal die Tonblumen generell mit der Tafelmeier-Handschrift abgleichen. Bestimmt hat er sich noch mehr von den schönen Blümchen in die Kapelle gestellt.

Heidi Christ


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