Märchen im Lied

Märchen im Lied

1. Der Rattenfänger
Die Geschichte vom Rattenfänger von Hameln ist im deutschsprachigen Raum weit verbreitet. In der Erzählung nach den Brüdern Grimm beauftragte die Stadt Hameln einen Rattenfänger mit der Ausrottung der städtischen Mäuse und Ratten. Der Mann erfüllte diesen Auftrag, in dem er mit einer Pfeife die Nager aus den Häusern lockte. Die Tiere stürtzen sich bekanntlich anschließend in die Weser und ertranken. Doch die Bevölkerung Hamelns verweigerte dem Rattenfänger den ausgemachten Lohn. Als Rache kam er einige Zeit später zurück in die Stadt und führte mit seinem Pfeifenspiel die Kinder aus der Stadt hinaus, die anschließend verschwunden blieben.

Die erste schriftliche Erwähnung findet sich im 16. Jahrhundert. Johann Wolfgang von Goethe veröffentlichte 1804 das Gedicht »Der Rattenfänger«, welches in direktem Bezug zu der Sage des Rattenfängers von Hameln steht.

Ich bin der wohlbekannte Sänger, der vielgereiste Rattenfänger,
den diese altberühmte Stadt gewiß besonders nöthig hat;
und wärens Ratten noch so viele, und wären Wiesel mit im Spiele,
von allen säubr‘ ich diesen Ort, sie müssen miteinander fort.

Rattenfänger (Böhme 1895, Nr. 686)

1895 gab Franz Magnus Böhme die Sammlung Volksthümliche Lieder der Deutschen im 18. und 19. Jahrhundert heraus. Hier finden wir auch eine Version des Rattenfänger (Nr. 686) mit Verweis auf Goethe als Textverfasser. Zur Quelle der abgedruckten Melodie schreibt Böhme Folgendes:

»Hier steht die Volksmelodie die mit Begleitung der Guitarre durch Einzeldruck des Liedes (Berlin bei Concha) schon vor 1810 bekannt war. Etwas abweichend fand sie Erk in einem geschriebenen Liederbuch 1814. Andere Melodie bei Ehlers, Gesänge mit Begl. der Guitarre. Tübingen 1804. Nach der ersten Hälfte unserer Melodie sang man in Thüringen und am Rhein bis um 1850 ein Spottlied auf die armen Schulmeister: ‚Und wenn im Dorf die Frage ist, wer das geplagt’ste Thier wohl ist, so stimmt gewiß ein Jeder ein: das ist das Dorfschulmeisterlein!‘«

Leider wissen wir weder, auf welchen Einzeldruck noch auf welches geschriebene Liederbuch Böhme sich hier bezieht.

2. Das entführte Hirtenmädchen
Das Riesengebirge liegt zu beiden Seiten der Grenze zwischen Polen und Tschechien und ist der Sage nach die Heimat des Rübezahl. Diese Märchenfigur soll - je nach Erzählung - ein launischer Riese oder Berggeist sein. Der Geschichte von Johann Karl August Musäus (1783) nach ist die Bezeichnung »Rübezahl« ein Spottname - so soll die entführte Königstochter Emma den Berggeist zum Zählen aller Rüben im Feld herausgefordert haben. Während er dadurch abgelenkt war, gelang ihr die Flucht - und sie verspottete ihn eben anschließend mit dem Namen »Rübezahl«.

Es existieren verschiedene Rübezahl-Sagen, in denen Rübezahl als ambivalenter Charakter auftritt. Die Erzählungen sind örtlich an das Riesengebirge gebunden.

1893 publizierten Ludwig Erk und Franz Magnus Böhme die Liedersammlung Deutscher Liederhort. Gleich als drittes Lied finden wir hier die Ballade über »Das entführte Hirtenmädchen«. Sie erzählt von der jungen Frau Felsmann:

Es war einmal ein Mädchen,
Die hüt‘t am Kamm die Küh,
Die hüt’t se wol im Summer,
Als wie im Frühling früh.

Sie war ihr Lebtag lose
Und gar von Herzen gut,
Und wie ein Pfingstrose
War’n ihre Wangen roth.

Doch die Ballade kann nicht ausschließlich von der Schönheit unserer jungen Frau handeln -  und den ganzen Frühling und Sommer hindurch die Kühe zu hüten, muss auch - nun ja - vermutlich recht langweilig sein. Aber dann passiert etwas!

Da kam durchs Knieholz schnelle,
Ein schöner Reitersmann,
Der hielt beim Mädchen stille
Und schaut sie freundlich an:

... und natürlich spricht er sie auch an. Schon im Untertitel wurden wir auf Rübezahl aufmerksam gemacht - der komplette Titel lautet »Das entführte Hirtenmädchen. (Rübezahl-Sage.)«. Wir ahnen also bereits, was da gleich kommt. In der siebten Strophe werden wir quasi mit dem Zaunpfahl am Hinterkopf getroffen:

‚Mein‘ Heimath ist gar weite
Dort in dem tiefen Thal,
Kein Reiter kann hinreiten,
Und wärs der - Rübezahl.‘

 Das entführte Hirtenmädchen (Erk & Böhme 1893:19)

Erk und Böhme verweisen als Liedherkunft auf die Publikation Bruchstücke einer Geschäftsreise durch Schlesien in den Jahren 1810 - 1812 von einem königlichen Archivar mit Namen J. G. Büsching, erschienen in Breslau 1813 (S. 288). Dort soll der Text im schlesischen Dialekt stehen, welchen Böhme ins Hochdeutsche übertragen habe. Böhme schreibt dazu weiter: »Die Geschichte spielt am Kamme des Riesengebirges. Der geheimnisvolle Schimmelreiter ist jedenfalls der Berggeist R ü b e z a h l.« Ein nett gemeinter Hinweis, falls der Zaunpfahl von vorhin uns verfehlt hat.

Zu der Melodie geben uns Erk und Böhme keine so ausführlichen Hinweise - ein schlichtes »Schlesisches Gebirgshirtenlied« muss uns genügen. Hier kommen wir auch nicht so arg weiter. Bleiben wir also lieber beim Text.

Zwischen der zugeschriebenen Quelle von 1813 und der Publikation durch Erk und Böhme 1893 liegt fast das gesamte 19. Jahrhundert. In zumindest drei weiteren Werken vor 1893 finden wir eine Erwähnung dieser Ballade - in Alexander Fischers und Adolf Böttgers Eichenblätter : Sammlung alter deutscher Romanzen, Schwänke und Balladen (1835), in Oskar Ludwig Bernhard Wolffs Hausschatz der Volkspoesie : Sammlung der vorzüglichsten und eigenthümlichsten Volkslieder aller Länder und Zeiten in metrischen deutschen Uebersetzungen (1846) und in Carl Herlosssohns Wanderungen durch das Riesengebirge und die Grafschaft Glatz (1841), eingebettet in die Erzählung »... Als wir, eine muntere Gesellschaft, zurückkehrten, sang ein Mädchen, das uns Blumen anbot, im dortigen etwas corrupten Dialecte, aber mit heller, wohlklingender Stimme das alte Volkslied...«.

Allen Balladenversionen gemein ist ihr Verlauf. Trotz Proteste und Schreie entführt der »schöne Reitersmann« unsere Heldin und die letzte Strophe klärt uns über ihr Schicksal auf:

Gar lang vor vielen Jahren
Ist die Geschicht geschehn,
Und Felsmanns Hannelore
Hat niemand mehr gesehn.

Erk und Böhme sind somit von den angeführten Versionen die einzigen, die unserer Heldin eine Vornamen spendieren - in den oben erwähnten Publikationen verbleibt sie namenslos.

Ganz allgemein sah das 19. Jahrhundert eine verbreitete Rezeption der Rübezahl-Sage. Mehrere Komponisten, Maler und Theaterdramatiker bezogen sich auf den Stoff (unter anderem Carl Maria von Weber, Friedrich von Flotow, Louis Spohr, Wolfgang Menzel, Moritz von Schwind und weitere). Rübezahl wurde fast so etwas wie ein Identifikationsmerkmal für die Region Schlesien. So ist es nicht weiter erstaunlich, dass Erk und Böhme der Ballade einen so prominenten Platz in ihrer Sammlung gaben (an zweiter Stelle stehen übrigens mehrere Versionen des Erlkönig-Stoffes). In der Dramatik dieser Rübezahl-Ballade finden wir außerdem eine Schnittstelle zur einer Erzählung, die viel weiter westlich verortet ist - die Sage von frauenmordenen Blaubart, besonders bekannt in der französischen Version »La Barbe bleue« von Charles Perrault.

Zum Weiterlesen:

Röhrich, Lutz: »Erzählforschung«, in: Grundriß der Volkskunde : Einführung in die Forschungsfelder der europäischen Literatur, Berlin 3., überarb. und erw.2001, S. 515-542.

Gebrüder Grimm: Deutsche Sagen.
Wer an dem historischen Kern des Rattenfängers von Hameln interessiert ist, dem oder der sei der Wikipedia-Eintrag und die dort angegeben weiterführende Literatur ans Herz gelegt.

Böhme, Franz Magnus: Volksthümliche Lieder der Deutschen im 18. und 19. Jahrhundert, Leipzig 1985, Hilderheim und New York Repro1970.

Erk, Ludwig und Böhme, Franz Magnus: Deutscher Liederhort : Auswahl der vorzüglicheren Deutschen Volkslieder, nach Wort und Weise aus der Vorzeit und Gegenwart, Leipzig 1983, Hildesheim Nachdruck1972.


Kommentare (0)


Kommentar schreiben:





Erlaubte Tags: <b><i><br>Kommentar hinzufügen: