Was ist eine Liedanfrage?

Was ist eine Liedanfrage?

In dem Blogeintrag »Was machen die eigentlich?« haben wir bereits einen kurzen Überblick zu der Arbeit in der Forschungsstelle gegeben. Heute möchten wir einen besonderen Aspekt unserer täglichen Arbeit vorstellen: Die Bearbeitung von so genannten »Liedanfragen«.
Über unsere Internetseite ist es möglich, nach Liedertexten zu suchen. Als Ergebnis wird der Titel des Liedes, der Titel des zugehörigen Liederbuches und Bemerkungen durch die Forschungsstelle (u.a. eine Einschätzung zu Konzeption und Intention des Liederbuches)  angezeigt. Häufig reichen diese Informationen nicht aus und hier kommt unsere Liedanfrage ins Spiel. Über ein Kontaktfeld wird eine E-Mail an die Forschungsstelle geschickt, in der wir häufig auf sehr interessante Fragen stoßen.

Zum Beispiel bei einer Anfrage, die aus den Tiefen des Gedächtnisses geboren worden ist. Aus irgendwelchen Gründen habe sich die Fragestellerin an ein Spottlied aus ihrer Kindheit erinnert. Der Text ging in etwa so:
    

»Herr ... ritt am Himmel auf einem Ziegenbock
    und alle Leute dachten, er wär der liebe Gott.
    Sie hoben die Pistolen und luden sie mit Dreck
    und schossen dem Herrn ... die Unterhosen weg.
    ...
    Er dacht er wär daheim, bei seiner lieben Frau
    und küsste aus Versehen die allerdickste Sau.
    Die Sau, die musste furzen, Herrn ... ins Gesicht
    Herr ... musste lachen und weiter weiß ich nicht.«
    
Als Grundschüler hätten sie es auf dem Pausenhof gesungen und sich darüber herzlich amüsiert.
Der Humor in diesem kurzen Ausschnitt ist unübersehbar - besonders für alle Grundschüler dort draußen. Auch beim Team der Forschungsstelle sorgte er für Heiterkeit und führte zum spontanen Anstimmen des Liedes - auch die Leiterin der Forschungsstelle kannte es aus ihrer Grundschulzeit.
Ein Lied aber allein zu kennen, recht leider nicht aus um eine Liedanfrage gründlich zu beantworten. Schließlich wollen die meisten Leute schon wissen, woher dieses Lied denn nun komme, wie es entstanden sei und welche Geschichte es mitbringe. Daher führt uns unser erster Gang in unsere Bibliothek.

Unser kleines Spottlied aus Grundschultagen hinterlässt genug Spuren, um ihm nachspüren zu können. Eine Fassung wurde 1981 in Schwend in der Oberpfalz aufgezeichnet. Die Strophe beginnt so:
  

 »Ein Bauer geht nach Hause in der Fruah.
    Da hat er statt die Haustür den Schweinstall aufgemacht.
    Er legte sich dann nieder zu seiner lieben Frau,
    derweil ist er im Schweinestall und küsst die alte Sau.«


Ernst Kiehl gibt an, eine Version 1973 von einer Siebtklässlerin in Rottelberode gehört zu haben. Der Text ist dem in unserer Anfrage sehr ähnlich:


    »Herr Meier kam geritten
    auf einem Ziegenbock,
    da dachten die Franzosen,
    es wär der liebe Gott.
    
    Herr Meier kam geflogen
    auf einem Fass Benzin,
    da dachten die Franzosen,
    es wär ein Zeppelin.

    Sie luden die Kanonen
    mit Eier, Brot und Speck
    und schossen dem Herrn Meier
    die Unterhosen weg.
    
    Die Unterhose landet
    auf einem Fußballplatz,
    da dachten schon die Spieler,
    der Fußball wär geplatzt.

    Herr Meier kam nach Hause
    bei Nebel und bei Nacht
    und hatte aus Versehen
    die Stalltür aufgemacht.

    Er dacht, er wär zu Hause
    bei seiner lieben Frau
    und küsste aus Versehen
    den Arsch der dicken Sau.

Ernst Kiehl verweist darüber hinaus auf einen weiteren Beleg »in Förderstadt bei der Feldarbeit gesungen, 1948«.
(Ernst Kiehl: Die Volksmusik in Harz und im Harzvorland. Band 2: Volksmusikalischer Teil. Clausthal-Zellerfeld 1992, S. 558.)

Der Herausgeber des Liederbuches Hallodri hat das Lied ebenfalls in seine Sammlung aufgenommen und verweist in den Liedangaben auf seine eigene Kindheit: »Nach meiner Erinnerung. Wir sangen die Verse als Kinder in den 40er Jahren in Neustadt am Rennsteig [...].« (Horst Traut (Hg.): Der Hallodri. Liedersammlung aus mündlicher und schriftlicher Überlieferung Ende des 20. Jahrhunderts im Thüringer Wald, [Quedlingburg] 2007, Nr. 127).
Im gleichen Liederbuch findet sich eine weitere Fassung, die in Cursdorf bekannt sei und deren Text angepasst bzw. schlicht umgedichtet wurde. Weitere »Weiterdichtungen« fänden sich laut Herausgeber auch in Neuhaus am Rennweg, in Lauscha und in anderen Orten.

Die Strophe mit dem Ehemann, der vor lauter Trunkenheit die Haustüre verpasst und sich im Saustall niederlässt, findet sich auch in anderen Liedern, so z.B. in dem Lied »In Nürnberg ist es Sitte, da fährt man mit der Chais‘« als letzte Strophe (vgl. Waldemar Birkmann (Hg.): Bunte Mischung. Textliederbuch, Band 2, Lauf an der Pegnitz 1984, S. 224).

Was zeigen uns diese Quellenbelege nun? Das Lied ist vermutlich mindestens seit der 1940er Jahre verbreitet. Ernst Kiehl vermutet für die erste Strophe einen Zusammenhang mit den Neapolonischen Kriegen aufgrund der besungenen französischen Soldaten. Außerdem könne die zweite Strophe (mit dem Zeppelin)  erst später entstanden sein, da die ersten Zeppeline um 1900 flogen. Wo und wie das Lied entstanden ist, können wir mit der derzeiten Quellenlage nicht belegen, auch ein Urheber des Textes ist nicht rekonstruierbar. Sicher sagen können wir allerdings, dass das Lied in unterschiedlichen Text- und Melodievarianten ein Schulhofklassiker ist und von Grundschulgeneration zu Grundschulgeneration weitergegeben wird.

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Kommentare (1)

  1. hippeli raimund:
    25 Mai 2019 um 21:05

    wir suchen den text des schwellenhauer-liedes "hoch am himmel funkeln die sterne ..."
    von keimel - wo ist das zu finden. danke. gruss rh 25 5 19+


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