Militärmärsche aus Bayern

Bildpostkarte, gestempelt 1915, aus dem Bildarchiv der Forschungsstelle.
Bildpostkarte, gestempelt 1915, aus dem Bildarchiv der Forschungsstelle.

Der neueste Zugang in der Sammlung der Forschungsstelle für fränkische Volksmusik sind Noten von 150 Märschen aus der Zeit des Königreichs Bayern (1806–1918). Wir erhielten diese Sammlung von Hanns-Helmut Schnebel, langjähriger Bibliothekar an der Infanterieschule der Bundeswehr in Hammelburg, der sich neben regionalhistorischen Themen intensiven Forschungen zu Militärmusik und Militärmusikern widmet. Zu der jüngst übergebenen Sammlung übermittelte er uns den folgenden Beitrag. Wir bedanken uns für die Veröffentlichungsgenehmigung.
Es handelt sich um Parademärsche, die den Regimentern der Bayerischen Infanterie, Kavallerie und Artillerie vom König zugewiesen wurden. Jedes Regiment hatte damals fünf Parademärsche, die bei den einzelnen Paraden zum Einsatz kamen. Nahm der Kommandeur bei einem Regimentsappell die Front des in Paradeaufstellung angetretenen Infanterie-Regiments ab, dann intonierte das Musikkorps den »Bayerischen Präsentiermarsch« von Wilhelm Legrand (1769–1845). Je nachdem, in welcher Formation das Regiment am Ende des Appells am Kommandeur vorbei marschierte, erklang dazu ein entsprechender Parademarsch. Es gab die Parade-Formation »in Zügen«, »in Kompaniefronten«, »in Kompanie-Kolonne« und »in Regimentskolonne«. Diese Parademärsche kannte jeder Soldat des Regiments. Die Musiker des Musikkorps spielten diese Märsche auswendig. Bei den berittenen Verbänden der Artillerie und Kavallerie gab es neben dem langsamen »Parademarsch zur Aufstellung«, Parademärsche »im Schritt«, »im Trab« und »im Galopp«. Bei dem Beim Abreiten der Front durch den Kommandeur ertönte der »Parademarsch zur Aufstellung«.
Als Militärmusik werden nicht ausschließlich die vielen Märsche, die das k. b. Militär im Dienst einsetzte, bezeichnet, zur Militärmusik gehören auch die vielen Signale, die die Befehle des Kommandeurs weithin hörbar umsetzten. Darüber hinaus werden auch viele Soldatenlieder zur Militärmusik gezählt, welche gleichzeitig auch Teil des Volkslied-Repertoires sind. Als Beispiele gelten der Marsch »Der Jäger aus Kurpfalz ...« oder der »Prinz Eugen Marsch« mit dem Volkslied über den edlen Ritter Prinz Eugen.
Militärmusik ist also alle Gebrauchsmusik, die im militärischen Dienst eingesetzt wird – sei es als Lied, als Signal oder als Parademarsch.
Während heutzutage nur besondere militärische Feiern wie Appelle, Gedenkfeiern und Kommandoübergaben durch Musik festlich gestaltet werden, war der Alltag des Soldaten früher vom Wecken bis zum Zapfenstreich von Militärmusik begleitet. Jeder Befehl wurde in ein Horn- bzw. Trompeten-Signal umgesetzt. Marschierte die Truppe, wurde ein Lied angestimmt. Hatte die Truppe größere Marschstrecken zu bewältigen, wartete das Musikkorps am Ortseingang, um es durch den Ort zu führen. Am Rathaus warteten dann gewöhnlich der Kommandeur und der Bürgermeister, um die Truppe beim Vorbeimarsch zu begrüßen. Dabei stellte sich das Musikkorps dem Kommandeur gegenüber auf und spielte den zugewiesenen »Parademarsch in Regiments-Kolonne«.
Jede größere Stadt des Königreichs Bayern hatte eine Garnison. Waren dort nur zwei oder drei Kompanien stationiert, hatten diese nur ihre Musiker, die die Signale spielten und die Truppe auf dem Marsch musikalisch begleiteten. Bei der Infanterie waren dies Pfeifer, Trommler und Hornisten, Artillerie und Kavallerie hatten Trompeter als Signalisten. Für militärische Feierlichkeiten bat der Kommandeur die Bürgerwehr oder K. B. Landwehr mit ihren Musikkorps um Unterstützung. Die zugewiesenen Parademärsche des Regiments waren bekannt, auch die Stadtkapelle hatte die Noten oder spielte die Parademärsche auswendig.
Mit anderen Worten: Militärmusik war damals Volksmusik.
Während die Musiker der Bundeswehrmusikkorps alle eine Musikerausbildung bzw. ein Musikstudium nachweisen können, waren die königlich-bayerische Regimentsmusiker oft versierte Amateure, die bis zu ihrer Einstellung als Militärmusiker zu dritt oder viert im Nebenerwerb zum Tanz aufgespielt hatte. Die Kapellmeister der Regimentsmusikkorps hatten ein Studium absolviert.
Von den 150 ehemals vorgeschrieben Militärmärschen sind heute noch wenige bekannt und werden gespielt. Der älteste darunter dürfte der »Prinz Eugen-Marsch« sein.
Zwei andere sind der »Coburger-Josias-Marsch« von Michael Haydn (1737–1806) und unter der Bezeichnung »Marsch des Yorchschen Korps« bzw. »Yorckscher Marsch« der »Marsch Nr. 1 in F-Dur« (WoO 18) von Ludwig van Beethoven (1770–1827).
Die Komponisten der meisten Märsche sind vergleichsweise unbekannt: Wer kennt schon Andreas Hager (*1818 in Nürnberg, †1892 in München), Johann Valentin Hamm ( *1811 in Winterhausen bei Würzburg, †1874 in Würzburg), dessen »Milanollo-Marsch« als Parade-March vom Leibregiment der Queen Elizabeth  II. gespielt wird, oder die Brüder Carl und Friedrich  Hünn aus Langenzenn in Mittelfranken, die die »Militär-Quadrille« komponiert haben.  Erst recht in Vergessenheit geriet Joseph Küffner (*1776 in Würzburg, †1856 in Würzburg), dem die Entwicklung der Militärmusik in Franken zu verdanken ist.
Vielleicht wird die Militärmarsch-Sammlung der Forschungsstelle für  fränkische Volksmusik als Bayerische Armeemarsch-Sammlung bekannt.



Hanns-Helmut Schnebel

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


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